Wurfgleiter
Mai 2026
Inhaltsverzeichnis
Ein Modellflugzeug zu bauen ist super einfach. Eines zu bauen, was gut fliegt schon etwas schwieriger. Wenn man jetzt noch Cheats, wie elektronische Stabilisierung, auslässt kommt man dem Grundprinzip eines Flugzeuges schon wieder näher. Die Tragflächen erzeugen durch den längeren Weg für die Luft auf der Oberseite des Profils einen Unterdruck und damit Auftrieb, was widerum verhindert, dass das Gerät zu schnell richtung Boden fällt. Der Rest ist nur noch dafür da, dass das halbwegs Zielgerichtet abläuft.
Ein einfacher Wurfgleiter kann da hin und wieder helfen, sich mit diesem Grundkonzept vertraut zu machen. Korrekt eingestellt macht dieses Kinderspielzeug erstaunlich viel Spaß.
Auf einem Trödelmarkt hab ich eben so einen Wurfgleiter für nen Euro bekommen. Stimmt nicht ganz, es waren zwei!
Wie ich später herausfand handelt es sich um ein Modell, was eine Zeit lang bei Lidl verkauft wurde. Der Suchbegriff “Lidl XL Glider 2021” bringt ähnlichaussehende Ergebnisse. Er lässt sich in drei Teile zerlegen: Rumpf, Tragfläche und Höhenleitwerk. Wer es noch nicht erraten hat: natürlich werde ich einen davon auf RC umbauen. Das Problem dabei ist meist das zusätzliche Gewicht durch Gelenke, Drahtzüge, Servos, diverse Elektronikbauteile, Akku und Convenience Features. Gestartet wird mit einem Out of the Box Gewicht von 150g (10g Höhenleitwerk, 63g Tragfläche, 77g Rumpf). Die Eckdaten werden ergänzt durch die Spannweite von 860mm und eine Gesamtlänge von 670mm.
Beide Flieger und zugegeben auch alle, die ich je werfen durfte, flogen nur selten geradeaus. Meist fliegt er zunächst gerade, macht dann einen Höhenflug, um anschließend aufgrund von geringer Geschwindigkeit und Verlust des Auftriebs senkrecht sich dem Boden zu nähern.
Folgendes Fallbeispiel soll meine Beschreibung bildlich untermalen:
Möglicherweise waren meine Flieger durch hohe Temperaturen und ungünstige Lagerposition leicht verbogen. Oder kommen die ab Werk immer so? Unabhängig davon liegen alle uns Möglichkeiten der Einstellung bereit.
1. Der Schwerpunkt (Center of Gravity “CG”):
Zu weit vorne und es wird eine Tendenz feststellbar sein im langsamen Gleitflug nach vorne abzutauchen, “Nose Heavy”. Zu weit Hinten führt eher zum Gegenteil und hat gleichzeitig den Effekt Geschwindigkeit abzubauen. Kinetische und potentielle Energie und so. Keine Geschwindigkeit = keine Luft die Auftrieb erzeugt = kein Flugzeug das fliegt.
Angegeben wird das CG als Distanz von der Vorderkante der Tragfläche bis zu dem Punkt, an dem das Flugzeug auf zwei Fingern (Linke Flügelhälfte und recht Flügelhälfte) balanciert. Ohne Anpassungen waren es hier 60mm. Teilt man dieses Maß durch die Profiltiefe (Vorderkante bis Hinterkante der Tragfläche) ergibt sich ein Verhältnis, das besser vergleichbar ist. 60mm / 160mm = 0,375. Meist liegt das CG im vorderen Drittel.
Ist ein Modell fertig gebaut ist es meist nur praktikabel ein Gewicht vor oder hinter dem CG hinzuzufügen, um dieses zu verschieben. Bei einem Wurfgleiter lässt sich der Effekt der verschiedenen CG Positionen sehr leicht ausprobieren. Durch die nicht vorhandene Steuerung kann das Flugverhalten auch nicht verfälscht werden. Mit etwas Kreppband habe ich eine 3g schwere Unterlegscheibe auf den Rumpf geklebt. Um den Einfluss des Schwerpunktes herauszufinden sollte der Gleiter so sacht wie möglich geworfen werden. Neigt er sich trotzdem von selbst wieder nach oben, ist das CG zu weit hinten. In meinem Fall kippte er ganz leicht nach unten und rammte die Nase eher ungemütlich ins Erdreich. Das Zusatzgewicht musste demnach hinter dem aktuellen CG angeklebt werden. Werfen, Kleben, Werfen, Kleben, bis es nicht mehr unmöglich ist eine für die fiktiven Passagiere angenehme Landung herbeizuführen.
2. Höhenruder:
Das Höhenruder ist der bewegliche Teil des Höhenleitwerks. Hier bewegt sich (noch) nichts, also neigen wir das gesamte Leitwerk durch Zwischenquetschen von Schaumstoffstücken oder herumliegenden Aststücken. Doch ist eine Anpassung überhaupt notwendig. Das finden wir heraus, indem der fürs langsame Werfen eingestellte Flieger etwas fester geworfen wird. Wurfrichtung im besten Fall gleich behalten.
Will der Flieger bei erhöhter Anfangsgeschwindigkeit jetzt nach unten kippen, muss das Höhenleitwerk im hinteren Teil angehoben werden. So wird vorbeiströmende Luft nach oben abgelenkt und das Heck nach unten gedrückt, wodurch die Nase hoch geht.
Andersrum genauso: Schneller Wurf fürt zu anfänglichem Steigflug, dann wird etwas zwischen oben zwischen Rumpf und Höhenleitwerk gesteckt.
Es kann nötig sein Schritt 1 und 2 einige Male zu wiederholen.
Ziel ist es, dass unabhängig von der Wurfgeschwindigkeit ein Geradeausfliegen möglich wird. So macht zumindest mir das Zuwerfen und jetzt kommts, Fangen!, deutlich mehr Spaß.
So sah der Gleiter nach diesem Prozess aus. Das CG war damit nur um wenige Millimeter nach hinten verschoben und hatte trotzdem einen großen Einfluss.
Auch die Fluglinie sieht jetzt gerade aus.
RC Umbau
Die Idee einen Wurfgleiter umzubauen fand ich nach so manchen schlecht fliegenden Eigenbauten attraktiv, da hier von einem optimal eingestellen Modellflugzeug gestartet werden kann.
Platz findet die Steuerungselektronik im Cockpit. Das sieht aus, als wäre es nur aufgesteckt. Tatsächlich reichte es seitlich mit einem Messer die Klebestellen zu durchtrennen. Das vorne ein Gewicht versteckt ist ahnte ich schon, eine M12x30 Schraube zu finden hat mich aber doch überrascht. Mit Entfernen dieses Gewichts haben wir schonmal 36g gewonnen, die möglichst am selben Punkt wieder aufgefüllt werden.
Mit Skalpel, Fräser und einem heissen Draht wurde dar EPP Schaumstoffkörper ausgehölt. Aus Erfahrung weiß ich, dass immer Gewicht vorne fehlt. Es ist leichter am Heck Gewicht hinzuzufügen als an der Nase, die deutlich näher am CG liegt.
Die Querruder wurden mit einem sehr scharfen Messer (z.B. Rasierklinge) aus der Tragfläche ausgeschnitten. 25mm tief und 190mm lang erschien mir plausibel. Ein heißer Draht funktioniert vergleichsweise gut, um eine gerade und saubere 45° Gehrung an der Innenseite herzustellen. Kleinere Schönheitsfehler lassen sich mit Schleifpapier ausbessern.
Von einem zerlegten Modell waren zwei Ruderhörner übrig, die eine nachträgliche Einstellung per Madenschraube ermöglichen. Die mussten mit Epoxydkleber befestigt werden.
Ähnlich vorgegangen bin ich beim Höhenruder. Der mittlere Teil wird dabei entfernt, sonst klappt das mit den Gelenken nicht.
Apropos Gelenke, ein kleiner Streifen UHU Por verbindet das durchtrennte EPP an der Gelenkstelle wieder miteinander. Zusätzlich, vermutlich noch viel wichtiger, wird von oben ein großzügiger Streifen PVC Klebeband aufgeklebt.
Eine gedruckte Stange verbindet beide Höhenruderhälften miteinander. Daran befestigt wird das Ruderhorn. Der Drehpunkt sollte idealerweise direkt über dem geklebten Gelenk liegen. Die 3D Modelle sind am ende dieser Seite als Archiv zu finden, falls es irgendwem hilft.
Es wäre viel einfacher und so habe ich es meist auch gemacht, den Servo unmittelbar vor dem Höhenruder anzubringen. Aufgrund des Hebels wird damit das CG stark nach hinten verschoben, selbst wenn der Servo wie hier nur 5g wiegt. Stattdessen muss auf einen Bowdenzug zurückgegriffen werden, der es erlaubt den Servo vorne zu haben. Mit einem Lötkolben auf 250°C war es sehr einfach, einen Kanal für das Rohr in die Seite des Rumpfes einzuschmelzen.
Ein HXT900 9g Servo bewegt beide Querruder ebenfalls vom Cockpit aus. Ein kleiner Oversight war, dass mit den Ruderhörnern der Flügel nicht mehr in den Rumpf gesteckt werden kann. Neu kleben wollte ich nicht, also wurde es eine kleine Aussparung. Danach wurde die Tragfläche mit dem Rumpf an wenigen Stellen mit möglichst geringen Mengen Heißkleber zusammengeklebt. So groß ist das Modell nicht, dass ich ihn zum Transport noch zerlegen müsste. Falls die Tragfläche dochmal ausgetauscht werden muss lässt sich Heißkleber gut mit ein paar Tropfen Isopropanol wieder entfernen. Lagerung im Auto im Hochsommer aber nicht zu empfehlen, woher ich das weiß?
Die beiden Servos passen dicht aneinander in den ausgehöhlten Teil des Rumpfes und wurden später mit ewas Heißkleber fixiert.
Als Empfänger kam ein LemonRX zum Einsatz, den ich noch rumliegen hatte. Ohne die Stiftleisten ist er sehr schmal und ausreichend leicht. Die 3er Stiftleiste ist für später.
Noch garnicht angesprochen, die Spannungsversorgung. Ich hab hin und her überlegt zwischen 1S und 2S Akkus, mich aufgrund der Modellgröße dann doch für 2S entschieden. Mit 30g eines 2S 500mAh Akkus war die Gewichtsverteilung so perfekt, dass die Entscheidung darauf fiel. Die gleichen Akkus finden auch im Skyfighter Anwendung, was die Anschaffung von vier neuen SLS Quantum Akkus gerechtfertigt.
Eine kleine 5V Stepdown Konverterplatine verbindet den Akku mit dem Empfänger und somit den Servos.
Die schwarze Haube war vorher angeklebt. Jetzt befindet sich darunter ein Akku, der regelmäßig getauscht werden soll. Eine kleine Lasche vorne wird in der Nase des Rumpfes eingehakt. Hinten befinden sich kleine Magnete versteckt in den weißen dünnen Platten aus PETG. Bei einem Crash wird die auf jeden Fall heraus fallen. Aber wir haben ja nicht vor zu crashen.
Da ich keinen Timer stellen möchte musste noch ein Lipo Warner dazu. Das hier ist der kleinste den ich finden konnte. Zwei der sechs LEDs und einen Pin der Stiftleiste konnte ich sogar entfernen, da kein 3S Akku angeschlossen wird. Bleiben 3,8g.
Von weitem sieht der Wurfgleiter nicht sonderlich verändert aus. Das CG ist noch sehr nah an der anfangs ausgetesteten Stelle. Mit Akku ergibt sich aktuell ein AUW von 184g.
Als nächstes folgt der Anbau eines Motors. Erste Testflüge zeigten, dass er ohne Steuereingaben noch ähnlich wie zuvor gleiten kann.
3D Files: 20260506_wurfgleiter.zip



























